Sascha Pranschke Den Regen lieben Roman Leseprobe Sein
Zimmer ist leer. Durch das geöffnete Fenster weht der Sommerwind
herein. Die Blumen in der Vase bewegen sich im Luftzug. Auf der Treppe
habe ich mich gefragt, wie es in seinem Zimmer riechen würde. Davor
habe ich Angst gehabt. Vor einem unbekannten Geruch. Aber weder
Bekanntes noch Unbekanntes rieche ich, nachdem ich über die Schwelle
getreten bin. Weder seine Ölfarben und Lösungsmittel, noch seinen
eigenen Geruch, den Geruch seines toten Körpers. Der Wind hat das
Zimmer von all dem gereinigt. Ich stelle mir den Geruch der Verwesung
süßlich vor. Das liegt wahrscheinlich an der Zeitrafferaufnahme des
Pfirsichs, die ich bei Wikipedia gesehen habe: In nur zehn Sekunden
verwandelt sich die saftige Frucht zu einem grau-grünen pelzigen Etwas.
Ich habe gelernt: Die Verwesung eines Körpers dauert unter der Erde
achtmal länger als unter freiem Himmel. Das liegt am geringen
Sauerstoffgehalt und den niedrigen Temperaturen unter der Erde. „Hat er selbst sein Zimmer umgeräumt?“ © Allitera Verlag 2009
Ich
drehe mich im Kreis. Ich sehe ein leeres, frisch bezogenes Bett. Ich
sehe leere Regale, den geöffneten, leeren Kleiderschrank. Ich sehe ein
sauberes Waschbecken mit einem Wasserhahn, so blank, dass er die
Nachmittagssonne spiegelt. Ich sehe seine Staffelei, auf der kein Bild mehr steht.
Jemand räuspert sich. Onkel Schorsch steht in der Tür.
„Wo sind seine Sachen?“, frage ich.
„Auf dem Dachboden.“
„Warum?“
Er zögert. „Wir dachten, es würde dir wehtun.“
„Ja. Es tut mir weh.“
Ich
sehe ihn an, und für einen Moment schließen sich seine schmalen Augen.
In der guten Kleidung wirkt er noch jünger als sonst. Als würde er noch
seinen Konfirmationsanzug tragen.
„Wann ist es passiert?“
Wieder zögert er mit der Antwort. „Es ging schnell. Er musste nicht leiden.“
Ich
stelle mir sein Gesicht vor. Es sah immer leidend aus. Auch wegen
dieses Gesichts war ich oft froh, wieder ins Internat zu dürfen. Ich
will meinen Onkel fragen, ob er wirklich glaubt, mein Vater habe nicht
gelitten. Stattdessen frage ich:
„Wann ist die Beerdigung?“
„Morgen.“
„So schnell geht das?“
„Es ist besser. Die Hitze ...“
Noch
einmal sehe ich mich um. Erst jetzt bemerke ich, dass die Regale und
der offene Schrank nicht nur ausgeräumt sind. Man hat sie auch
verschoben. Jedes Möbelstück steht an einem anderen Platz als bei
meinem letzten Besuch.
„Nein, du weißt doch, wie er war. Bloß keine Veränderung! Aber nachdem ... Nun ja, deine Tante dachte ...“ Er sucht nach Worten.
Ich sage: „Tante Hella dachte, ein bisschen Veränderung würde gut tun?“
„Genau!“ Sein Gesicht hellt sich auf, dankbar für die Hilfe. „Uns allen. Und besonders dir!“
„Sind die Blumen auch von ihr?“
„Nein, die hat Hilke gepflückt. Ein bisschen Leben, hat sie gesagt.“
„Nett von Hilke.“
„Jeder tut, was er kann.“
„Davon bin ich überzeugt.“ Ich deute auf die leere Staffelei. „Was macht die noch hier?“
„Wir dachten, du hättest sie vielleicht gern.“
Warum
gerade die Staffelei, frage ich mich. Warum dieses sperrige Ding, so
groß und sperrig, wie er selbst war? Soll ich es in mein Zimmer stellen
mit einem seiner Selbstporträts darauf? Ich sehe meinen Onkel an. Sein
Konfirmandenblick ist der sicheren Miene des Familienoberhaupts
gewichen. Er tritt auf mich zu und legt mir wortlos eine Hand auf die
Schulter. Sie ist schwer und warm.
Ich sage: „Ich male nicht.“
Er seufzt und drückt meine Schulter. Es tut ein bisschen weh. „Wenn du sie nicht haben willst ...“
„Ich nehme sie“, sage ich. „Bringt sie in mein Zimmer!“ Ich streife seine Hand ab und gehe hinaus.
[...]
Ich
werde seine Leiche nicht mehr sehen. „Die Hitze ...“, sagt Onkel
Schorsch. Ich tue, als verstünde ich, warum alles so schnell gehen
muss. Ich denke an die achtfache Geschwindigkeit der Verwesung über der
Erde. Am nächsten Tag, bei der Beerdigung, sehe ich nur noch das dunkle
Holz. Darunter liegt er angeblich. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das
glauben soll. Sie können mir doch erzählen, was sie wollen. Ich kann
den Sarg schließlich nicht öffnen. Vielleicht ist er einfach abgehauen.
Vielleicht wollen sie mir nur nicht erzählen, dass er mich nun
endgültig allein lässt. Darüber denke ich nach, als wir dem offenen
Mercedes-Kombi folgen. Von der offenen Kapellentür zum offenen Grab.
Das ist die weiteste Öffnung von allen: Ein ganzes Leben passt dort
hinein.
Wir
stehen am Rand der Grube. Der Pastor murmelt etwas, das ich nicht
verstehe. Doch es klingt schön, weil er so ruhig spricht. Währenddessen
lassen sechs Gestalten in Schwarz den Sarg an dicken Tauen hinunter.
Zwei von ihnen sind mein Onkel und mein Cousin. Onkel Schorsch hat
darauf bestanden, „mit anzupacken“. Heute trägt er sogar ein Jackett.
Ich sehe den Schweiß auf seiner Stirn glänzen. In einem Punkt hat er
recht gehabt: Die Hitze ist unerträglich. Ich wünschte, es würde
regnen. Alle anderen sehnen sicher das Ende der Zeremonie herbei.
Viele
sind nicht gekommen. Mein Vater verließ den Hof kaum und pflegte keine
Bekanntschaften. Die wenigen vertrauten Gesichter gehören Arbeitern vom
Hof. Hinter den drei oder vier unbekannten vermute ich Käufer seiner
Bilder. Allen läuft der Schweiß in die Kragen. Sie können ihn nicht
abwischen, denn man muss die Hände gefaltet halten. Ich freue mich über
diese Tortur. Zwar schwitze ich selbst, doch ich finde, diese Leute
schulden meinem Vater etwas. Vielleicht ist das ungerecht. Vielleicht
haben sie nie ein böses Wort über ihn verloren. Vielleicht haben sie
ihn sogar geschätzt. Doch das ist mir egal. Jemand muss bezahlen. Ich
weiß nicht wer, ich weiß nicht was und ich weiß nicht wofür. Nur, dass
es sein muss.
Die Stimme des
Pastors senkt sich. Er kommt zum Ende. Die Tauenden in den Händen der
Männer werden immer kürzer. Gleich wird der Sarg auf zwei Balken
aufsetzen. Dort unten gelangt die stechende Sonne nicht hin. Mein Vater
allein hat es heute kühl. Ich gönne es ihm, er sollte es genießen. Ich
frage mich, wie lange er ungestört bleiben wird. Wie lange benötigen
Ameisen, Speckkäfer und Fadenwürmer, um durch das Eichenholz zu ihm zu
gelangen? Wie weit ist die Arbeit von Bakterien und Pilzen bereits
jetzt fortgeschritten? Ich habe gelernt: Man nennt sie Reduzenten,
Zersetzer. Ich erinnere mich gut an die Biologiestunde, in der wir über
sie sprachen. Man unterscheidet Mineralisierer und Abfallfresser. Sie
verwandeln meinen Vater in Wasser, Kohlenstoffdioxid und Mineralstoffe.
Mehr bleibt nicht übrig.
Der
Pastor klappt sein Gebetbuch zu. Die Männer ziehen die Taue aus der
Grube. Hannes gerät dabei ins Stolpern. Sein rechter Fuß rutscht von
der Matte aus Kunstrasen, die das Loch umrandet. Hannes kippt über die
Kante. Ein gemeinsames Einsaugen von Luft durch Zahnreihen ist zu
hören. Im letzten Moment fängt Onkel Schorsch seinen Sohn von der
anderen Seite ab. Für einen Augenblick lehnen sie über dem Grab
aneinander. Die anderen Sargträger stehen rat- und hilflos daneben.
Jemand murmelt ein Gebet. Der Pastor streckt seine Hand nach ihnen aus.
Doch er steht zu weit entfernt, um sie zu erreichen. Ich sehe, wie
Tante Hellas Lippen sich schnell bewegen, als stammelte auch sie ein
Gebet. Ich sehe, wie Hilke die Hände vors Gesicht schlägt.
Mit
einem Stoß der Handflächen vor die Brust des anderen trennen sich Vater
und Sohn. Eine Sekunde später stehen beide wieder sicher auf den
Kunstrasenmatten, jeder auf seiner Seite. Hilke nimmt die Hände
herunter. Tante Hellas Lippen beruhigen sich. Niemand verliert ein
Wort.
Ich muss mir das Grinsen verkneifen. Gleichzeitig bin ich
enttäuscht. Ich wünschte, einer der beiden wäre gefallen. Oder besser
noch beide zusammen. Darüber würde niemand schweigen, außer Tante Hella
und vielleicht dem Pastor. Es wäre der Dorfklatsch des Jahres: wie der
schwachköpfige Hannes mit seinem Vater ins offene Grab gefallen ist!
Noch Jahre später würde man darüber lachen. Für Hannes wäre es nicht so
schlimm, der wird ohnehin bei jeder Gelegenheit gehänselt. Onkel
Schorsch aber müsste sich die Geschichte bis an sein Lebensende
anhören.
Ich male mir aus, wie die ganze Familie nicht mehr nach
Fleetstedt fahren kann. Denn beim Gedanken an den Sturz ins Grab
stiehlt sich ein Grinsen in jedes Gesicht. Und in diesem Augenblick
begreife ich, was ich von ihnen, von meiner Familie will: Sie sollen
leiden.
Sie sollen leiden, wie mein Vater sein Leben lang gelitten
hat. Ich weiß nicht, warum er gelitten hat. Ich weiß auch nicht, wofür
sie mit ihrem Leid bezahlen sollen. Ich weiß nur, dass nun sie an der
Reihe sind. Ich betrachte ihre vom Schreck erholten Gesichter, eines
nach dem anderen.